Die Kaktus-Diät

Heißhunger ausbremsen mit der Hoodia-Kapsel

von Roland Häke

Sie zählen zu den ärmsten Völker der Erde. Nur noch ca. 100 000 gibt es von ihnen. Und doch haben sie in den vergangenen Jahren die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen: Der in der Kalahari-Wüste lebende Stamm der Khoi-San. Diese Buschmänner kennen sich aus in der kargen und lebensfeindlichen Wüste. Sie wissen, dass es hier mehr gibt als Sand, Gräser und ein paar Büsche. Die Khoi-San haben – solange es sie gibt – es immer wieder verstanden, der Kalahari ihre Geheimnisse zu entlocken, konnten immer wieder Reichtümer der Natur entdecken.  

Doch seitdem die von übergewichtigen Menschen durchsetzte so genannte „zivilisierte Welt“ Wind von der Wirkung eines kniehohen stacheligen Gewächses bekam, hat sich einiges für die Khoi-San geändert. Der Hoodia-Kaktus sieht sicher nicht appetitanregend aus, sein Fruchtfleisch schmeckt bitter und die bis zu 11 Zentimeter großen lachsfarbenen Blüten stinken nach verwesendem Fleisch. Und doch birgt diese Pflanze einen Wirkstoff, der eine stark appetitzügelnde Wirkung haben soll. Südafrikanische Soldaten berichteten als erste davon. Sie setzten die Khoi-San während des Angola-Krieges als Fährtenleser und Späher ein und wunderten sich, dass die schmächtigen Ureinwohner tagelang ohne Essen und Trinken auskommen konnten. Ein Vertreter der Buschmänner erklärte den Weißen, dass der Hoodia-Kaktus Nahrung, Trinken und gleichzeitig Medizin für sie sei.  

Vor ca. 9 Jahren nahmen südafrikanische Wissenschaftler den angeblich sattmachenden Kaktus unter die Lupe. Sie gewannen einen Inhaltsstoff, der das Hungergefühl dämpft, nannten ihn „P57“, stellten fest, dass dieser sekundäre Pflanzenstoff ein so genanntes Pregnanglycosid ist und wiesen in Tierversuchen seine appetitzügelnden Effekte nach.

Es wurde festgestellt, dass P57 dem Gehirn die „Botschaft“ vermittelt, dass der Blutzuckerspiegel ausreichend ist und sich so ein Gefühl von Sattheit einstellen kann. Nun ging alles sehr schnell, denn es ging (und geht nach wie vor) um ganz viel Geld: 1997 erwarb die britische Firma Phytopharm von dem Südafrikanischen Forschungsbeirat für Wissenschaft und Industrie (CSIR) die Rechte für Entwicklung und Vermarktung von P57.  

In einer Doppelblind-Studie nahmen neun dicke, übergewichtige Briten mehrere Pfunde in wenigen Tagen ab. Die Testpersonen nahmen nur noch 2200 Kalorien am Tag zu sich. Und das, obwohl sie nicht mit Ess-„Verboten“ belegt waren. Sie durften so viel „futtern“ wie sie wollten! Eine zweite Gruppe von neun Personen erhielt statt der Kapsel mit dem Hoodia-Kaktus-Extrakt lediglich einen Placebo – und ging weiterhin mit gutem Appetit „zur Sache“, nahmen täglich 3200 Kalorien zu sich. Gleichzeitig stellte diese Studie fest, dass Hoodia-Kapseln – außer der appetitzügelnden - keine Nebenwirkungen haben.  

Optisch keine Augenweide, aber hilfreich und nützlich: Der Hoodia-Kaktus.   

Nachdem der US-Pharma-Riese Pfizer (u. a. Hersteller des Potenzmittels Viagra) von Phytopharm für viel Geld – die Rede ist von 21 bis 32 Millionen Dollar – die Rechte für den patentierten Wirkstoff P57 erworben hatte, schien einer Verbreitung in ganz enormen Dimensionen nichts mehr im Wege zu stehen. Gelten doch vor allem USA als eine Art „Hochburg“ von übergewichtigen Menschen. Experten schätzen, dass dort ca. 3 Milliarden Dollar pro Jahr für Mittel und Behandlungen gegen Übergewicht, Fettleibigkeit und die gesundheitlichen Folgen davon ausgegeben werden.

Inzwischen hat Pfizer die Rechte wieder an Phytopharm zurückgegeben. Offiziellen Verlautbarungen zufolge, weil die Abteilung für Naturprodukte „aufgelöst“ wurde. Allerdings war zuvor eine beachtenswerte juristische Entscheidung gefallen: Die 100 000 Buschmänner vom Stamm der Khoi-San hatten erreicht, dass sie in Zukunft einen Gewinnanteil in Höhe von 6 Prozent beim Geschäft mit Hunger-Verringungsmittel P57 erhalten. Zusätzlich ist eine Einmalzahlung von 1.5 Millionen Euro an die Ureinwohner zugesichert. 

Phytopharm hat für das laufende Jahr 2005 weitere Studien angekündigt. Der Markt boomt schon jetzt. Und schon jetzt wird der Hoodia-Kaktus künstlich, auf Sand, mit Kompost gedüngt und gut bewässert, angepflanzt. In einem Bericht der ZDF-Sendung „Praxis“ wird jedoch die Frage aufgeworfen, ob die so aufgepäppelten „Turbokakteen“ auch die gleiche Wirksamkeit haben, wie die langsam wachsenden Wildpflanzen. Schließlich fallen im südlichen Teil der Kalahari nur 20 Millimeter Regen pro Quadratmeter pro Jahr – ein Schnapsglas voll!  

Experten raten daher, dem wild- und recht langsam wachsenden Hoodia-Kaktus nach einer Ernte mindestens ein Jahr Erholungspause zu gönnen. Beim Kauf sei darauf zu achten, ob es sich wirklich um Original Hoodia aus Südafrika handelt. Im Zweifelsfalle soll man sich vom Hersteller bzw. Händler eine Ursprungsgarantie geben lassen. Diese soll mit Erntedokumenten möglich sein. Daraus ist auch ersichtlich, dass es sich um ein Hoodia-Produkt handelt, das umweltschonend aus wildwachsenden Kaktusbeständen gewonnen wurde. 

Die sicher am häufigsten auftauchende Frage bei der „Kaktus-Diät“: Wie schnell verliere ich Fett und Speck mit dem Hoodia-Extrakt?  Von Gewaltkuren, die dem Körper nicht gut bekommen raten Mediziner und Naturheilexperten ab. Wenn es dagegen schonend und gesund zugehen soll, ist die Rede ist von ca. 2 kg Körpergewicht pro Woche. Doch ganz billig ist der im Original recht stachelige „Schlankmacher“ auch nicht:  Zwischen 40 und 50 Euro soll der Preis für eine Monatskur Hoodia liegen (90 Tabletten oder Kapseln mit je 400 mg Exktrakt aus dem Kaktus. Billigangebote, die nur ganz wenig Hoodia-Extrakt enthalten – dafür mehr chemische Appetithemmer – soll es auch schon geben. 

Wie bei vielen anderen Gesundheits-Tipps auch gilt auch hier: Möglichst viel Wasser trinken (ca. 1.5 bis 2.5 Liter pro Tag) und auf eine ausgewogene Ernährung (viel Obst, Gemüse, Eiweiß, gesunde Fette, wenig Kohlenhydrate) achten. Viel Bewegung an frischer Luft sollte selbstverständlich sein. So besehen, machen die Kapseln/Tabletten mit dem Hoodia-Extrakt selbst auch nicht schlank. Sie zügeln lediglich den quälenden Heißhunger, der schon so manchen Abspeckungwilligen verzweifeln ließ. Doch fällt es mit der „Kaktus-Diät“ sicher leichter, sein Essverhalten zu ändern. Man muss ja nicht unbedingt gleich so sehnig-schlank werden wollen wie die Überlebendskünstler vom Stamme der Khoi-San.