Über die Überwindung von Aggressionen

 

Liebe Grenzenlos-Leser,  

immer wieder sind ungelebte Gefühle bei Jugendlichen die Ursache explosiver, und oft auch lebensgefährdender Handlungen. Fehlende Liebe und Zuwendung in den ersten entscheidenden Kindesjahren haben sich in erschreckend zunehmendem Maße als Ursache für viele Misserfolge in der Erziehung gezeigt. Scheinbar raubeinige, gefühlskalte Jugendliche stehen egoistischen Erwachsenen gegenüber, die sich ungern die eigene Schwäche eingestehen, heute weniger denn je Liebe “schenken” zu können. Der eigene Nachwuchs muss darunter leiden und wir alle erleben zunehmend wenn Aggressivität eskaliert.

Das führte denn auch zu der unkontrollierten Rohheit, mit der der 23jährige Metallschlosser Hans B. seinem Meister einfach einen Hammer nachwarf, als der ihn für eine schlechte Arbeit verantwortlich gemacht hatte. Ein Glück, dass der Meister gerade einen Seitenschritt machte und damit seinen Kopf rettete. Doch Hans wurde wegen seiner Gemeingefährlichkeit nicht mehr länger im Betrieb geduldet. Er hatte sich schon zuviel erlaubt. Als Schläger bekannt, galt er als unberechenbar und steckte voller aggressiver Handlungen.

Er kam aus eigenem Antrieb zu mir, weil er mit der Welt nicht mehr fertig wurde und den ständigen Anstoß, den er erregte, nicht mehr seelisch verdauen konnte. Das wies immerhin auf eine weiche Seite seines Wesens hin. Er machte sich Gedanken, wohin seine Entwicklung führen mochte. Er wusste mit Sicherheit, dass er allein seiner Wutanfälle nicht mehr Herr werden konnte und so fragte er um Rat.

Jegliche aggressive Haltung zur Umwelt zu unseren Mitmenschen bedeutet meistens fehlende Liebe zu sich selbst und hat wie eigentlich immer ihren Anfang in fehlender Zuwendung aus dem Familienkreis genommen. Hans hatte, wie man sagt, eine harte Jugend hinter sich. Der Vater war Alkoholiker und schlug entweder ihn oder die Mutter windelweich, wenn er sich zu Hause sehen ließ. In der Schule begann der junge Hans dann bald, das zu Hause Erduldete auf seine Klassenkameraden abzuwälzen. Er wurde zum Klassenschreck. Jeder Mensch, der ihm gegenübertrat, war für ihn nur ein potentieller Feind.

Ihn in Behandlung zu nehmen, bedeutet, ein versteinertes Ich aufweichen zu müssen. In einem meiner Seminare erfuhr er erstmals echte Begegnung mit anderen Menschen. Es geschah, was wir alle nicht so schnell für möglich gehalten hatten. Die intensive, gegenseitige Zuwendung bei den gruppendynamischen Übungen trieb Hans die Tränen in die Augen. Er hatte noch nie in seinem Leben erlebt, von fremden Menschen so rückhaltlos aufgenommen zu werden und wirkliche, echte Zuwendung für seine Probleme zu erfahren. Zunächst schämte er sich am Montag darauf ein wenig “wegen seiner Gefühlsduselei“. Doch dann erklärte er mit befreiendem Lachen, noch nie so offen zu anderen gewesen zu sein.

In den Suggestionen für ihn waren wir zunächst bestrebt, sein Inneres der Umwelt zu öffnen. Wer sich Hans als typischen Rocker-Typ vorstellt, kann sich ausmalen, welche Geduld und Vorsicht anzuwenden war, um den Keim des neuen Selbstbewusstseins nicht durch eine plötzliche Gegenreaktion seiner rauen Schale wieder zunichte zu machen. Mindestens für die Krisenzeit in der Hypnosebehandlung machten wir uns auf allerlei gefasst. Hans blieb aber eisern, wenn er einmal bei der Sache war. Er ahnte, dass es jetzt für ihn im Leben allein darauf ankam, die Chance wahrzunehmen, anders und freier werden zu können.

Seine Suggestionsformel für seine Arbeit zu Hause lautete:

“Ich bin ein harmonisches, friedvolles Wesen wie alle Menschen in meiner Umgebung. Meine innere Kraft macht mich klar und einsichtig. Ich trage meinen Teil dazu bei, das Zusammenleben mit anderen harmonisch und zum Besten aller zu gestalten. Ich liebe meine Eltern und verzeihe mir und allen alles. Ich mag meine Kollegen und Freunde, die alle wie ich ein schönes, glückliches und erfolgreiches Leben führen wollen. Ich fühle mich wohl und geborgen in der Gemeinschaft. Ich fühle mich wohl und geborgen in meinem eigenen Wesen, das mir alle Kraft gibt, mein Leben gut und erfolgreich zu führen. Ich bin ruhig und klar und höre auf meine innere Stimme, die mich zum Guten und Richtigen leitet. In mir ist tiefe Ruhe und Harmonie. Ich bin stark, selbstbewusst, eine starke positive Persönlichkeit.“

Hans hatte einen Kassettenrecorder. Er sprach sich diesen Text auf Band und spielte ihn sich während des Schlafen vor. Er infiltrierte sozusagen sein Unterbewusstsein mit diesen lebensspendenden Gedankenmustern. Er lernte bei uns, sich autosuggestiv in einen tiefen Ruhezustand zu versetzen, in dem dann diese Leitsätze auch zu Hause in sein Unterbewusstsein einsinken konnten.

Er war lange Zeit eine harte Nuss für uns. Seine raue Schale, die verhärtet und scheinbar undurchlässig für jede Liebesregung geworden war, begann nach einem Vierteljahr jedoch aufzuweichen.

Die positiven Gedanken erreichten langsam sein Unterbewusstsein und ersetzten dort allmählich falsche Vorstellungen vom Leben und halfen ihm seine Milieuschäden zu überwinden. Es gelang ihm, in der Selbsthypnose besser und besser loszulassen und immer tiefer in sich einzutauchen. Als er sich bei mir verabschiedete, hatten wir alle das gute Gefühl, einen jungen Menschen in eine helle Zukunft zu entlassen.

Vor kurzem hörte ich wieder von ihm. Freudig erzählte er mir, dass er seine Meisterprüfung abgelegt habe und sogar in seinem alten Betrieb wieder aufgenommen worden sei. Die innere Wandlung hatte ihre positive Ausstrahlung also folgerichtig auf die äußere Welt übertragen, dass er jetzt in dem Bewusstsein seiner eigenen Kraft seinem wahren Wesen entsprach.

Herzlichst,

Erhard F. Freitag


Dieser Text wurde, mit freundlicher Genehmigung von Erhard F. Freitag, aus seinem Buch „Sag ja zu Deinem Leben“, erschienen im Goldmann-Verlag, entnommen. Informationen zur Arbeit von Erhard gibt es auf www.efreitag.com